Müssen Coiffeure heute Formulare frisieren?
Veröffentlicht am 27.10.2025 von Marita Verbali, Gemeinderätin FDP Kreis 3 und Stadtratskandidatin

Meine Mutter war Coiffeuse. Schon früh habe ich erlebt, wie hart es das Kleingewerbe hat. Auch heute kämpfen Quartierläden, Restaurants und Handwerksbetriebe mit steigenden Kosten, überbordenden Vorschriften und einer Verwaltung, die lieber kontrolliert als Freiräume lässt.
Sie haben es zunehmend schwer, ihre Dienstleistungen zu fairen Preisen anzubieten. Sie sind jedoch entscheidend für das Leben im Quartier, besonders für Seniorinnen und Senioren. Es ist dieses Kleingewerbe, das Zürich lebendig, vielfältig und charmant macht – und es sorgt für Lehrstellen und Jobs.
Statt für Betriebe ein günstiges Umfeld zu schaffen, verliert sich die rot-grüne Stadtregierung in ideologischen Experimenten: teure, aber erfolglose Quartierprojekte wie «Brings uf d’Strass!» oder die «Drehscheiben». Dazu immer mehr Regeln, die Eigeninitiative ersticken. So muss selbst ein Quartierverein für den weihnächtlichen Glühweinstand jedes Jahr von Neuem einen wahren Behördenmarathon absolvieren. Es braucht ein Gesuch für ein vorübergehendes «Wirtepatent», eine Ausschankbewilligung, Lärmbewilligungen mit einer auf die Minuten genauen Zeitangabe, wann ein Auftritt stattfindet oder wie viel Dezibel der Auftritt der Wiediker Cheerleaderinnen verursacht. Zig Formulare, verschiedene Zuständigkeiten, etliche Auflagen: Ein Beispiel dafür, wie selbst das Bewährte in Zürich zur bürokratischen Expedition wird. Wäre meine Mutter heute noch Coiffeuse, müsste sie wohl Formulare frisieren.
Mit einem komplizierten Subventionssystem gängelt die Stadt auch Kita-Betriebe. Der Grossteil der Kitas in Zürich wird privat geführt und leistet viel. Betreuungsgutscheine für Eltern bringen mehr Wahlfreiheit, verteuern das Angebot nicht zusätzlich und motivieren Kitas, ihr Angebot auf die Bedürfnisse der Familien auszurichten statt auf Vorgaben der Verwaltung.
In der Verkehrspolitik braucht es mehr Realitätssinn. Das Gewerbe ist auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen: sichere Velowege, einen leistungsfähigen öffentlichen Verkehr, aber eben auch Parkplätze für Kundschaft und Mitarbeitende. Wer diese Bedürfnisse gegeneinander ausspielt, schwächt die kleinen Betriebe, die Zürichs Alltagsleben am Laufen halten.
Sicherheit ist auch ein Standortfaktor. Wenn Drogenkonsum und -handel in den Quartieren zunehmen, trifft das auch die kleinen Betriebe. Wer je einen Laden neben einer offenen Drogenszene geführt hat, weiss, wie belastend und mitunter gefährlich das sein kann. Derzeit ist auch eine Kita direkt betroffen – ein alarmierendes Beispiel dafür, wie sehr mangelnde Sicherheit den Alltag von Familien und Kindern beeinträchtigt. Nur eine pragmatische, aber konsequente Drogenpolitik bewahrt, was Zürichs Quartiere ausmacht: Sicherheit, Vertrauen und Lebensqualität.
Zürich braucht wieder eine Politik, die den Menschen und Betrieben etwas zutraut. Eine Stadtverwaltung, die unterstützt statt bevormundet. Kurz: Eine Stadt, die das Gewerbe atmen lässt und damit das Herz Zürichs lebendig hält.
Hier finden Sie den Artikel, erschienen im Tagblatt am 22. Oktober 2025 auf Seite 45