Argumente zusammenleimen
Veröffentlicht am 20.11.2025 von Patrik Brunner, Gemeinderat FDP Kreis 6

Seit mehr als 130 Jahren bildet das Schreinerausbildungszentrum (SAZ) junge Menschen aus. Jedes Jahr bietet der Betrieb 10 Lernenden eine Lehrstelle, um die vierjährige Ausbildung als Schreiner/in EFZ zu absolvieren. Früher hiess der Betrieb Lehrwerkstatt für Möbelschreiner Zürich und bis 2017 waren Stadt und Kanton finanziell beteiligt. Trotz finanzieller Schwierigkeiten konnte die Schliessung 2021 verhindert werden, und mit dem Postulat 2022/623 wurde der Stadtrat am
30. November 2022 aufgefordert, das SAZ mit einem Betrag von 100 000 Fr. finanziell zu unterstützen, damit die neugegründete Genossenschaft die Transformation schaffe. Ich erinnere mich, wie ich mit dem damaligen Geschäftsführer telefonierte und mir versichert wurde, dass es grosse Pläne gebe und man bald auf eigenen Beinen stehen werde. Schon damals erschienen Presseartikel mit den Worten «dem grössten Ausbildungsbetrieb von Zürich droht das Aus». Allen war bewusst, dass der Betrieb für die Reorganisation Geld benötigt, man den engagierten Menschen eine Chance geben muss. Und der Stadtrat stimmte dem Postulat zu. Nun, zwei Jahre später, stehen wir wieder am gleichen Punkt. Die Tagespresse ist voll mit Schlagzeilen, wie vierzig Jugendliche plötzlich auf der Strasse stehen könnten.
Verantwortungslos oder lobenswert?
Mit dem Postulat 2025/404 der AL soll nun erneut Geld gesprochen werden. Ich gehe mit den Worten von Raphael Golta einig, dass dieses Postulat ein Präzedenzfall sei und die Befürchtung bestehe, dass wir uns am SAZ dauerhaft beteiligen müssen. Es gehe auch darum, anderen Ausbildungszentren Grenzen zu setzen. Und die Grenzen werden in diesem Fall deutlich überschritten. Denn die Aufgabe des Staates ist es, zusammen mit den OdAs (Organisationen der Arbeitswelt) sicherzustellen, dass die Berufsbildung und die Lehrziele in der ganzen Schweiz einheitlich sind. Mit der Annahme vom 29.Oktober 2025 wird die Stadt Zürich nun einen Betrieb mitfinanzieren, der aufgrund einer veralteten Infrastruktur und ineffizienter Prozesse nicht in der Lage ist, sich am freien Markt zu behaupten. Ist es verantwortungs-bewusst 40 Lehrlinge auszubilden, obwohl nicht sicher ist, ob sie je einen Job in der Branche haben werden?
Bequem oder vorausschauend?
Ich arbeite seit über 17 Jahren als Berufsschullehrer, habe als Prüfungsexperte hunderte Lehrabschlussprüfungen begleitet und weiss, wovon ich spreche, wenn ich sage: Niemand stellt einen Lehrling ein, um monetär von ihm zu profitieren. Es ist eine Investition in die Zukunft, für die Branche, damit die kommende Generation ebenfalls fachlich gut ausgebildete Berufsleute haben wird. Es ist durchaus üblich, dass ein Betrieb jemanden ausbildet, der nachher zur Konkurrenz geht, umgekehrt genauso. Die Betriebe finanzieren die Ausbildung mit ihren Aufträgen. Und mit ihrem Wirken an der Basis haben sie das Know-how und alles, was es dafür braucht, sich am Markt zu behaupten. Dieses Wissen geben sie ihren Lernenden über das Fachliche hinaus mit, und das ist der Grund, warum auch die jungen Berufsleute im Markt bestehen. Jeder, der eine Lehre gemacht hat, weiss: Nach drei Jahren kennt man den Beruf, die Branche, seine Akteure und versteht, wie Betriebe funktionieren. Im Berufsleben baut man auf der Basis des Gelernten auf. Betriebe regulieren sich wie der freie Markt selber und passen das Lehrstellenangebot der Nachfrage an. Das hat nichts mit Bequemlichkeit, sondern mit vorausschauendem Handeln zu tun. Weil es auch nach der Ausbildung für die Lernenden eine Perspektive braucht.
Persönlich habe ich grosse Empathie für die betroffenen Lernenden. Ich habe in meiner Lehrzeit etwas Ähnliches erlebt und kann die Ängste und die Unsicherheit sehr gut nachvollziehen. Mitten im zweiten Lehrjahr stand ich plötzlich auf der Strasse und musste mich neuorientieren. Aber der Markt hat mir eine Möglichkeit geboten und ich konnte meine Lehre abschliessen. Auch für die Lehrlinge des SAZ hätte es eine Lösung gegeben, denn in unserem System gibt es gut etablierte Mechanismen, damit sie ihre begonnene Ausbildung erfolgreich abschliessen können.
Respektlos oder wohlwollend?
Das SAZ hat es in seiner jüngsten Geschichte leider nicht geschafft, sich abschliessend zu reorganisieren. Im Gegenteil: Sie haben so weitergemacht wie bisher und jährlich 10 neue Lehrlinge eingestellt, ohne zu wissen, ob sie Aufträge haben und wie es weitergeht. Um es mit den Worten von Albert Einstein zu sagen:
«Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und trotzdem zu hoffen, dass sich etwas ändert.» Aber der noch grössere Wahnsinn ist, wie respektlos Kollegen in der Gemeinderatssitzung über das Lehrlingswesen sprachen. Die Voten waren teilweise befremdlich und überhaupt nicht sachkundig. Es war unter anderem von der linken und grünen Seite von prekären Arbeitsbedingungen und systematischer Problematik, ja sogar von Ausbeutung die Rede.
Die berufliche Grundausbildung in der Schweiz ist ein fein austariertes System. Es ist keine vom Staat finanzierte Volksschule. Die praktische Lehrlingsausbildung liegt auf den Schultern der Betriebe und der OdAs. Die Wirtschaft bildet die Fachkräfte aus, die es in der nächsten Generation braucht. Es ist ein lebendiges Netzwerk. Eine gemeinsame Sache zwischen Bund, Kantonen, Wirtschaft und Gesellschaft, die ihresgleichen sucht. Typisch für die Politik der Linken wurden auch in diesem Fall Themen vermischt, emotionalisiert und bisherige Werte in Frage gestellt. Doch wie gewohnt, sollen andere die Denkarbeit machen. Wenn es um konkrete Lösungs-vorschläge geht, hält man sich vornehm zurück und lässt die Allgemeinheit die Rechnung zahlen.
Das ganze Parlament – bis auf die FDP – stimmte letztlich wohlwollend zu, weil man sich kurz vor den Wahlen von seiner besten Seite zeigen möchte. Populistischer Stimmenfang ist, wenn die politische Bühne ausgenutzt wird, um aus falschen Gründen das vermeintlich Richtige zu tun. Bleibt zu hoffen, dass die erneute finanzielle Hilfestellung nun als dritte Chance genutzt wird und die guten Absichten in neue Strukturen überführt werden können, damit sich das SAZ erfolgreich am Markt behaupten kann.