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Soll Zürich wirklich so wachsen?

Veröffentlicht am 17.06.2020 von

Corina Ursprung, FDP Gemeinderätin Kreis 6

Die Stadt Zürich gilt weltweit als eine der Städte mit der höchsten Lebensqualität. Und Sie geben mir sicher recht, Zürich ist wunderschön, international, kulturell vielfältig und sicher. Diese Feststellung muss ich vorneweg nehmen, denn: Zürich wird wachsen. Bis 2040 nimmt die Stadtzürcher Wohnbevölkerung gemäss Prognosen um ca. 82 000 Personen zu.

Wie soll dies geschehen?

Der Stadtrat hat hierzu den kommunalen Richtplan Siedlung, Landschaft, öffentliche Bauten und Anlagen, welcher zurzeit in einer Kommission des Gemeinderates beraten wird, erarbeitet. Zürich soll zum ersten Mal einen kommunalen Richtplan erhalten. Dieser hat es in sich. Das 140-seitige Planungswerk zeigt nicht nur auf, wo die neuen Bewohnerinnen und Bewohner Platz finden sollen. Es regelt die Entwicklung der Stadt bis ins kleinste Detail. Zürich soll sich dabei zu einer «Stadt der kurzen Wege» mit 46 Quartierzentren entwickeln. Für die Quartierzentren gibt der Richtplan auch gleich vor, welche Nutzungen - Detailhandel, Dienstleistungen sowie publikumsorientierte soziale und kulturelle Angebote – sich der Stadtrat dort vorstellt. Dass das Überleben für einen Detailhändler schwierig sein dürfte, wenn er lediglich sein Quartier als Einzugsgebiet hat, darüber scheint sich niemand Gedanken zu machen. Jedenfalls aber hat diese Planung zum Ziel, dass wir alle in unserem Quartier bleiben und dort einkaufen sollen. Ich bin gerne in meinem Quartier, aber ich gehe auch gerne in die Innenstadt. Schliesslich lebe ich in einer Stadt, um in einer Stadt zu sein - mit all ihren Vor- und mitunter auch Nachteilen. Durch die Fokussierung auf die Quartierzentren nimmt die Attraktivität der Innenstadt ab. Eine attraktive Innenstadt mit weiträumiger Ausstrahlung gehört aber gerade zum Wesen von Zürich. Ich möchte, dass dieses erhalten bleibt!

Angriff auf private Freiräume

Auch die Planung der Freiraumentwicklung schiesst weit übers Ziel hinaus. Der zusammen mit Stadtrat André Odermatt zuständige Stadtrat Richard Wolff sprach an einer Medienkonferenz von einer «Neuverteilung des öffentlichen Raumes». Wenn es denn nur der öffentliche Raum wäre! In Wirklichkeit stellt der Richtplan einen Angriff auf private Innenhöfe, Dachterrassen und Vorgärten dar. So hält er bei den Massnahmen zur Freiraumplanung folgendes fest: «Die Stadt verlangt im Rahmen von Sondernutzungsplanungen und wirkt bei konkreten Bauvorhaben darauf hin, dass private Freiräume (wie z.B. Innenhöfe, Vorgärten/Vorzonen, begehbare Dachlandschaften) als Erholungs- und Alltagsräume mit hoher Aufenthaltsqualität und ökologischer Qualität erstellt und soweit möglich in angemessenem Umfang öffentlich zugänglich gemacht werden». Diese Massnahme geht nicht nur Eigentümer von privaten Grundstücken, seien es Private, Genossenschaften oder andere gemeinnützige Rechtsträger, an, sondern auch Mieterinnen und Mieter. Wollen Sie tatsächlich, dass die Dachterrasse oder der Innenhof Ihres Mietshauses öffentlich zugänglich ist?

Für mich stellt sich die Frage, wollen die zuständigen Stadträte mit dem vorliegenden Richtplan ihre Träume für Zürich - eine in Quartiere aufgeteilte – langweilige – «Fünf-Minuten-Stadt», in welcher private Innenhöfe und Dachterrassen für alle zugänglich sind - verwirklichen? Ich weiss es nicht. Aber wie eingangs erwähnt: Zürich ist eine wunderschöne Stadt. Sie wurde es aber nicht wegen eines detaillierten Siedlungsrichtplans, sondern aufgrund einer freien, an den Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichteten, Entwicklung zu dieser Stadt. Dies muss auch weiterhin möglich sein. Ich jedenfalls möchte mein schönes, pulsierendes, weltoffenes und kreatives Zürich behalten!

Dieser Artikel ist am 10. Juni 2020 im Tagblatt der Stadt Zürich erschienen.